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Ein noch nicht ganz erwachsenes, chaotisches und kreatives Hippie-Mädchen schreibt hier alles auf, was ihr gerade durch den Kopf geht :)

Samstag, 17. Januar 2015

The modern days #28

> Das Übelkeitsgefühl verschwand nicht.
Auch nicht über Nacht.
Nicht mal, als mich Mama zur Schule fuhr und ich dort freudig bemerken durfte, dass ich zwei Stunden früher aushaben werde.
Der Tag war noch nicht lange angebrochen und ich wollte einfach wieder schlafen, ich sehnte mich nach meinem Bett. Zuhause. In Ruhe. Alleine.
Ich ging am Aufenthaltsraum vorbei und gähnte. Ach, Musik. Das einzige einigermaßen akzeptable Fach dieser Welt.
Mein Kurs hatte unseren Lehrer überreden können, nach der Oper – welche wir gestern fertig besprochen hatten – nun endlich annähernd moderne Musik zu besprechen. Jeder Schüler sollte eine CD mit seiner Lieblingsband mitnehmen, um sie den andern zu demonstrieren.
Deswegen musste ich noch kurz zu meinem Schließfach, bevor es zum Musiksaal ging.
Ich seufzte.
Mama hatte heute Morgen, da sie ja ihre momentane Zeit als fröhliche Hausfrau verbrachte, Rührei gemacht. Ich frühstücke nie viel, des Öfteren nichts, und wenn, dann ein bisschen Müsli. Das üppige Frühstück von heute Morgen lag mir folglich total schwer im Magen. Zudem hatte ich meine Tage bekommen.
Welch freudiger Tag das heute doch werden sollte!
Ich kam an der Schließfächerfront an und steuerte auf meines zu. Doch bevor ich allerdings irgendetwas tun konnte, stockte ich.
Da war eine Schmiererei an den Schließfächern, genau auf Nummer 68.
Mein Schließfach.
Ich konnte den fetten, schwarzen Edding schon von weitem sehen.
Da stand:

A+A
Der Freak vögelt die Bitch

Mein Herzschlag setzte einen Moment aus.
Das kann nicht wahr sein, ich musste träumen!
Ich konnte förmlich spüren, wie mein Selbstbewusstsein auf ein Minimum schwand. Wie mein Atem schneller wurde. Wie ich anfing, totale Panik zu kriegen.
Mir wurde schwarz vor Augen.
Dann sackte ich auf den Boden.
Kippte um.
Trat einen kurzen Augenblick aus dieser Welt aus.
Ich hatte das Gefühl, ich würde träumen.
Ich fühlte mich plötzlich federleicht, als würde ich schweben.
Irgendwann vernahm ich komische Geräusche um mich herum.
Ich runzelte die Stirn.
Als ich aufwachte, befand ich mich im Zimmer der Schulsanitätsdienstes.
Ich erschrak und fuhr hoch, ganze drei Menschen drehten sich gleichzeitig zu mir um und sahen mich überaus besorgt an.
Der erste: Herr Liesen, mein Musiklehrer.
„Alice, gut dass du wieder wach bist. Ich war besorgt, als du nicht in den Musikunterricht gekommen bist. Und dann teilte man mir urplötzlich mit, du wärst in Ohnmacht gefallen. Welch Tragödie!“
Ich nickte völlig perplex und war nicht in der Lage, etwas zu erwidern.
„Ich habe dich bei den Kollegen entschuldigt und dir eine Entlassung unterzeichnet. Du solltest dringend nach Hause… Gute Besserung, wir sehen uns nächste Woche!“, erklärte er, drückte mir einen Zettel in die Hand und verschwand aus dem Zimmer.
Ich blinzelte ein paar Mal.
Der zweite, der mich besorgt anstarrte: Schulsanitäter und männliche Krankenschwester Tobias. Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, wie dieser junge Mann mit Nachnahmen hieß. So häufig bin ich dann auch nicht hier…
„Alice, sie hatten einen Zusammenbruch, mitten auf den Gängen. Einer ihrer Mitschüler hier hat es Gott sei dank sofort bemerkt und sie zu mir gebracht. Sie waren fast eine geschlagene Minute nicht ansprechbar!“
Ich runzelte die Stirn und fasste an meinen Hinterkopf.
Sofort schmerzte er.
„Passen sie auf, Alice. Sie sind auf den Kopf gefallen, könnte eventuell eine kleine Beule geben. Und für die nächsten paar Stunden sollten sie sich schonen. Falls es ihnen im Laufe der Tages zunehmend schlechter geht, kontaktieren sie unbedingt einen Arzt!“
Ich nickte.
In letzter Zeit schien mich mein Kreislauf öfter verlassen zu wollen.
Dieser ganze Stress machte mich also eindeutig krank. Und das alles hatte nur zu tun mit…
Ich sah ruckartig auf.
Die dritte Person.
Diese verfluchte dritte Person in diesem Raum.
Auf einmal wurde ich stink wütend, stand auf und rannte auf Alex zu. Dann schlug ich wie wild auf seine Brust ein.
„Das ist alles nur wegen dir. Wegen dir verdammt! Hast du die Schmiererei gesehen? Hast du? Die anderen aus der Stufe mochten mich nicht besonders und das war mir egal. Dann kommst du, und was machen sie? Sie hassen mich! Abgrundtief! Das ist alles deine Schuld!“, schrie ich Alex an, woraufhin mir sofort wieder schwindelig wurde.
Er hielt meine Hände blitzschnell fest und starrte mich voller Trauer an.
„Alice, das… ich wollte das doch nicht. Glaubst du, ich hätte diese Barbies – oder wer auch immer das war - dazu angestiftet, das zu tun? Ich hab dich umkippen sehen und dich hier her getragen. Ich will doch nur, dass es dir gut geht!“
Tränen fingen an, über meine Wange zu laufen.
Ich schüttelte den Kopf und entriss meine Arme seinem Griff. Sofort schwankte ich.
„Du hast sie vielleicht nicht angestiftet, aber du hast sie dazu verleitet. Verschwinde einfach, Alex!“, kreischte ich und schubste ihn in Richtung Tür.
Alexander hob beschwichtigend die Hände.
„Alice…“
Er wollte noch mehr sagen, doch er drehte sich lediglich um und verschwand aus dem Zimmer.
Tobias reichte mir ein Telefon.
„Wollen sie jemanden anrufen?“
Ich nickte.
Keine Ahnung, wie ich es geschafft hatte, meine Mutter mit einer einigermaßen normalen und ruhigen Stimme zu benachrichtigen, dass sie mich abholen sollte.
Doch es hat geklappt. Sie war natürlich durch und durch besorgt gewesen, hatte mich nach hause gefahren und sofort durchgecheckt.
Ihrer Meinung nach hatte ich einen Schwächeanfall. Kombiniert mit den nicht gerade grandiosen Lebensumständen „normal“ – sagt Frau Doktor.
Es war mir egal.
Es war mir völlig egal, wie es mir ging. Mein Leben hat Hochs und Tiefs. Und ich befürchte, nun bin ich an einer Bodenlosen Schlucht angekommen. Es lief alles einfach nur noch komplett beschissen. Ich hatte die Kontrolle über mein Leben schon lange verloren. Und es sah nicht danach aus, als würde ich sie wieder erlangen.
Es war erst kurz nach halb neun morgens.
Zuhause legte ich mich erstmal in mein Bett und tat stundenlang nichts.
Irgendwann am späten Mittag nahm ich mir mein Handy.
Es tut mir leid.
Getippt.
Verschickt.
Dann schlief ich ein. <

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