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Ein noch nicht ganz erwachsenes, chaotisches und kreatives Hippie-Mädchen schreibt hier alles auf, was ihr gerade durch den Kopf geht :)

Mittwoch, 17. Dezember 2014

The modern days #21



> „Also… haben wir diese Fragerei jetzt hinter uns?“, wollte ich schließlich wissen, nachdem Alex mich eine geschlagene Stunde bequatscht hatte.
Ich musste schmunzeln.
Na ja, es hatte auch irgendwie Spaß gemacht. Sich mit jemand anderem als meinen Eltern oder den Lehrern zu unterhalten, war eine willkommene Abwechslung.
Im Ernst, jetzt, wo ich so darüber nachdachte… Ich habe nicht im Geringsten übertrieben. Ich bin ein Einzelgänger, durch und durch.
Vermutlich hatte ich mich über Alex nur so aufgeregt, weil mich die Situation – dass er mir zumindest irgendetwas über Amelia erzählen konnte – schlichtweg überfordert hat.
Ein gleichaltriges Wesen, zudem ein männliches Wesen, gab sich mehr oder minder freiwillig mit mir ab. Das ist mir echt schon lange nicht mehr passiert.
Alex saß wieder mir gegenüber auf dem Sitzsack und grinste mich an.
„Ja. Jetzt, da wir so einiges von einander wissen, können wir von nun an Freunde werden!“
Ich zog überrascht die Augenbrauen nach oben.
„Freunde?“
Krasser Scheiß. Also damit hätte ich nicht gerechnet.
Immerhin war ich vor ein paar Stunden noch ein Miststück!
Und jetzt? Freunde? Nachdem ich ihm meine Lieblingsbands gezeigt hatte?
Das kann doch wohl nicht sein ernst sein.
Alex zuckte mit den Schultern, ich schüttelte nur mit dem Kopf.
„Also entweder, der Punkrock vorhin hat dir deinen Verstand weggepustet oder du bist einfach mal verrückt geworden. Freunde? Vorhin war ich noch eine Gefahr für deinen Bruder…“, gab ich zu bedenken, Alexander seufzte und nickte.
„Na ja, also vorhin… Dafür muss ich mich ernsthaft entschuldigen. Ich war, wie soll ich sagen, ein wenig gereizt!“
Ich lachte.
„Hast du deinen Tage oder was?“, fragte ich provokant, Alex bedachte mich mit einem seiner extrem genervten Blicke.
Doch er musste wieder lachen und schüttelte den Kopf.
„Nein, eher nicht. Ich musste bis um fünf arbeiten und hab eigentlich nicht geschlafen, dann hat Nic heute Morgen echt Stress gemacht und mein Auto ist ewig nicht angesprungen! Und Frauen wie du – die meine Nerven noch mal mehr strapazieren – konnte ich heute Morgen nicht vertragen. Aber jetzt...“
Er atmete tief durch.
„…jetzt nachdem du das mit dem Quatschen vorgeschlagen hast, geht’s mir echt wieder gut. Muss ich schon sagen. Also noch mal sorry!“
Ich nickte und lächelte.
„Ja, nicht schlimm. Frauen wie ich können das verkraften. Also, dann sind wir jetzt Freunde“
Es geht ihm also besser. Bin ich denn zur Seelenklempnerin mutiert?
Ich seufzte.
Wie auch immer. Wenn er jetzt wieder freudigen Gemüts ist, können wir das Frage-Antwort-Spiel weiter spielen. Und diesmal bitte auf Amelia bezogen!
Ich wollte gerade zu einer Frage ansetzen, als mein Handy klingelte.
Ich sah auf das Display und murrte. Völlig falsches Timing!
Dennoch hob ich ab.
„Hey du!“, begrüßte ich den Mann am anderen Ende der Leitung.
„Alice, schön dass ich dich erreiche. Ähm, hör mal, wir waren ja eigentlich für nächste Woche verabredet, wenn ich mich recht entsinne, oder?“
Ich nickte.
„Ja, das waren wir. Ben… du klingst leicht mysteriös. Rück schon raus, was ist los?“, wollte ich wissen und lachte.
Ben lachte ebenfalls.
„Nichts. Es ist nur so, dass a million ways to panic heute Abend einen Auftritt hat. Da wollte ich dich fragen, ob wir uns heute schon sehen können? Ganz außerplanmäßig, ich weiß, aber ich dachte, es wäre eine gute Idee!“
Ich sah zu Alex, der runzelte die Stirn. Was war mir jetzt wichtiger? Ben oder Alex? Seufzend sah ich auf die Uhr.
„Wann ist das Konzert?“
„Ähm, so gegen acht. Also?“
Ich zögerte. Klar, so gegen acht war ich bestimmt fertig mit Alex. Aber dann stehen da auch noch die Schulaufgaben an. Ich musste nächste Woche meine letzte Präsentation, eine sogenannte GFS, halten. In Geschichte. Über den zweiten Weltkrieg. Und als Alexander so plötzlich in mein Leben geplatzt ist, konnte ich mich auf rein gar nichts anderes mehr konzentrieren. Aber die Präsentation wird mir vermutlich noch meine Note retten – Geschichte war noch nie so meins.
Das konnte ich einfach nicht mehr vernachlässigen, Konzert hin oder her!
„Es tut mir echt leid Ben, aber ich habe noch massig Zeug zu tun. Vor den Ferien gibt es noch den Weltkrieg, da muss ich erst noch durch!“
Ben lachte.
„Okay Kleine, kein Problem. Ein andres Mal klappt’s bestimmt. Aber wir sehen uns dann ja nächste Woche! Ich freu mich. Und viel Spaß bei was auch immer du noch zu tun hast!“
Ich bedankte mich bei Ben und legte dann auf.
Alex sah mich immer noch misstrauisch an.
„Ich dachte du hast keinen Freund!“, meinte er und sah auf das Handy in meiner Hand.
Ich stöhnte und grinste dann.
„Hast du ein Kurzzeitgedächtnis oder so? Ben ist mein Vater, das habe ich dir vorhin erst erzählt!“
Alex nickte und lächelte.
„Natürlich, entschuldige meine Verpeiltheit!“
Ich zuckte nur mit den Schultern, warf mein Handy auf mein Bett – so weit weg wie möglich, damit es uns nicht mehr stören konnte.
Ich wendete mich wieder Alex zu.
„Also… lass uns reden!“, meinte ich, Alex schmunzelte.
„Tun wir das nicht schon die ganze Zeit?“, fragte er, ich zuckte mit den Schultern.
„Ja… in gewisser Weise schon… Aber reden wir jetzt die wichtigen Dinge. Amelia. Die Funk. Du weißt schon“
Alex nickte und schloss für einen kurzen Moment die Augen.
Seine blonden Wimpern warfen Schatten auf seine kantigen Wangen, was echt schön aussah. Doch der Moment verstrich schnell.
Ich seufzte.
„Oh Mann… Amelia war echt weit mehr als nur meine Schwester. Sie war meine beste Freundin. Und auch wenn wir Zwillinge waren, war sie immer diejenige, die weitaus durchgedrehter war. Sie war selbstbewusst, strahlte pure Freude aus, war immer neugierig und konnte keinem Abenteuer widerstehen“
Ich atmete tief durch.
„Kein Wunder, dass sie das mit den Drogen so angezogen hat.“
Alex nickte.
„Amelia hat immer gedacht, sie würde einfach alles schaffen. Ich war fasziniert von deiner Schwester, wirklich. Als sie das erste Mal auf einer der Partys war, ist sie sofort der Funk beigetreten. Boss – das Oberhaupt der Funk, keine Ahnung, ob er noch lebt – hat gemeint, sie wäre ab sofort mein Schützling, weil wir ungefähr im gleichen Alter waren und somit gut zusammen arbeiten konnte. Ich habe mich schnell mit ihr angefreundet, sie war die beste und auch die einzige richtige Freundin, welche ich zu dieser Zeit hatte.“
Völlig gedankenverloren driftete Alex in einen Zustand des Plapperns ab. Doch ich hielt ihn nicht davon ab.
Alex schmunzelte.
„Diese Mädchen hat das pure Chaos geradezu angezogen. Sie war einfach Adrenalin pur, kein Wunder also. Manchmal hat das auch in echter Tollpatschigkeit ausgeartet, was aber irgendwie total süß war.“
Ich zog interessiert die Augenbrauen nach oben. Alex erwachte aus seiner Trance und schüttelte kurz den Kopf.
„Hey, kurzer Break: Süß im Sinne von amüsant. Ich hatte nie was mit deiner Schwester, das musst du mir glauben. Wir waren einfach nur beste Freunde. Ohne jegliche Vorzüge!“
Ich lächelte.
„Schon okay. Du musst dich nicht für irgendetwas rechtfertigen. Erzähl weiter“
Alex nickte und lehnte sich in seinem Sitzsack zurück.
„Okay, also wie gesagt, sie war total tollpatschig. Und eigentlich sind solche Leute eher ungeeignet für eine organisierte Drogenbande, doch Boss mochte sie – ein wenig zu arg für meinen Geschmack – und ließ sie bleiben. Sie hatte ganz normale Startschwierigkeiten, wie wohl jeder, aber es stellte sie heraus, dass Amelia eine der besten Dealerinnen der Gruppe geworden ist“
Ich musste schlucken.
„Das ist alles so unreal, gänzlich absurd. Wie kann eine 16-Jährige denn von einem auf den anderen Tag zur Profidrogendealerin werden, ohne dass ihre Familie etwas mitbekommt?“
Alex zuckte mit den Schultern.
„Sie war einfach da. Ist urplötzlich in der Funk aufgetaucht, als hätte sie davor kein Leben gehabt. Ich meine, ich war in der Funk, um zu vergessen. Um mich abzulenken, von dem was ich durchlebt hatte. Viele Dealer hatten solche Geschichten parat. Aber Amelia? Dieser Sonnenschein sah so aus, als wollte sie das schlichtweg zum Zeitvertreib machen. Es schien so, als wäre ihr einfach langweilig. Sie hat mir erzählt, dass sie die Schule gehasst hat und sie jetzt froh ist, keinen Fuß mehr dort rein zu setzen!“
„Hat sie jemals etwas über mich, Mama oder Ben erzählt?“, wollte ich wissen, Alex schüttelte jedoch nur den Kopf.
„Nie. Weißt du, sie kannte meine komplette Lebensgeschichte in und auswendig. Doch als ich sie mal nach ihrer Vergangenheit gefragt hatte, wollte sie nie irgendetwas verraten. Das wir mir alles recht suspekt, ich dachte, sie muss wohl etwas besonders Schlimmes erlebt haben, dass sie nicht darüber reden wollte… Aber dem war ja nicht so! Deine Schwester war ein Mysterium, Alice.“
Ich nickte langsam.
Sie war eines.
„Okay. Also dann hätten wir die Geschichte eures Kennenlernens schon mal geklärt. Und wie sah euer Alltag aus?“, fragte ich, Alex grinste.
„Naja, wie schon gesagt, Chaos pur. Unser erster gemeinsamer Deal war Freitagnachts, neben einem zwielichtigen Club. Wir haben uns mit einem Typen getroffen, der ein paar Gramm Koks haben wollte. Amelia wollte unbedingt die Übergabe machen und hat dabei, aus ihrer Tollpatschigkeit, das komplette Tütchen fallen lassen. Der Kerl uns gegenüber ist total ausgetickt, als er das gesehen hat und hat sein Taschenmesser gezückt“
Ich erschrak und riss die Augen auf, Alex schüttelte den Kopf.
„Wäre beinahe echt nicht gut für uns ausgegangen. Der Typ wollte auf Amelia los, war aber schon so stark betrunken, dass er stolperte und mit dem Messer lediglich mich traf!“
Ich zog scharf die Luft ein.
„Was ist passiert?“, fragte ich flüsternd, ich wagte es nicht, zu laut zu sprechen.
Alex lachte.
„Nichts Wildes. Nur das hier!“
Er strich sie ein paar Haare aus der Stirn und entblößte seine Narbe.
Die hatte ich doch schon am ersten Tag unseres Aufeinandertreffens bemerkt! Nun war dieses (eine) Geheimnis gelüftet.
Ich beugte mich ein klein wenig vor, strich über Alexanders Stirn und fuhr über die grobe Narbe. Ich konnte die dicke Haut darunter spüren und sah schon fast fasziniert darauf.
„Hat sich das jemals ein Arzt angeschaut?“, fragte ich und sah Alex den Kopf schütteln.
„Damals hat es ein Typ der Funk genäht. Ohne Betäubung. Einfach so, nachdem ich vom Deal wieder gekommen war…“
Ich schluckte schwer.
Wow, ganz schön krasse Story.
Plötzlich hörte ich, wie meine Zimmertür aufging. Alex sah auf, auch ich ließ meinen Blick nach vorne wandern.
Meine Mutter war herein geplatzt. Sie trug noch immer ihren weißen Ärztekittel, das Namensschild und die schrecklichen weißen Clocks.
Völlig gebannt sah sie auf meine Hand, die immer noch an Alexanders Stirn lag.
Schnell nahm ich sie weg und faltete meine Hände unauffällig.
Mama sah recht schockiert zwischen uns hin und her. Dann lächelte sie gezwungenermaßen.
„Alice… Ich hatte ja keine Ahnung, dass du einen Freund hast!“ <

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