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Ein noch nicht ganz erwachsenes, chaotisches und kreatives Hippie-Mädchen schreibt hier alles auf, was ihr gerade durch den Kopf geht :)

Dienstag, 25. November 2014

The modern days #16



> „Okay, ich denke, das war genug Mathe für heute. Es ist schon spät, ich sollte dich nach Hause bringen!“, sagte ich zu Niclas, als ich einen Blick auf die Uhr geworfen hatte.
Es war schon fast neun Uhr abends, wir hatten ziemlich lange zusammen gelernt, aber irgendwann muss ja auch mal Schluss sein.
Alexanders Bruder nickte und räumte seine Schulsachen zusammen.
Ordentlich sortierte er es in seinen Rucksack und schloss den Reisverschluss.
Dann stand er auf, schob seinen Stuhl danach wieder an den Tisch und schulterte den Rucksack.
„Alles klar, gehen wir!“
Nic folgte mir hinunter und zog sich seine Schuhe an, während ich nach dem Autoschlüssel suchte.
Meine Mutter bewahrte ihre Wertsachen generell irgendwo in ihrem Arbeitszimmer auf – wo sie die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte.
Also sah ich zuerst in ihrem Schreibtisch nach, wo ich ihn auch glücklicherweise gleich fand.
Niclas wartete schon geduldig im Flur auf mich, wo ich mich beeilte, in meine Sneaker zu schlüpfen und meine schwarze Lederjacke anzuziehen.
Wir verließen die Wohnung, unsere Schritte knirschten im Kies der Einfahrt.
„Ist das dein Auto?“, fragte Nic, als er auf dem Beifahrersitz saß und sich anschnallte.
Ich schüttelte den Kopf und stellte den Rückspiegel auf meine Höhe ein.
„Nein, schön wär’s. Das Auto gehört meiner Mutter, aber sie benutzt es so gut wie nie, weil sie zur Arbeit laufen kann!“
Niclas nickte.
Ich startete den Motor, manövrierte mich an den anderen parkenden Autos des Platzes vorbei und bog auf die Straße ein.
„Was arbeitet deine Mama?“, fragte Nic und schaute gedankenverloren aus dem Fenster.
Das Licht der Straßenlaterne fiel sanft auf sein Gesicht und ließ seine Augen in dunklem türkis leuchten.
„Sie ist Ärztin. Ihre Praxis ist nur ein paar Häuser von unserer Wohnung entfernt, weshalb sie dort hin kein Auto benötigt. Wäre das nicht so, müsstest du jetzt nach Hause laufen!“, scherzte ich und grinste.
Nic drehte seinen Kopf zu mir, zog die Augenbrauen kraus und zuckte mir den Schultern.
Ich habe noch nie einen kleinen Jungen gesehen, der auch nur annähernd so nachdenklich und durch und durch misstrauisch ist wie Nic.
Niclas ist echt ein Phänomen – wobei ich glaube, dass das alles mit Alexanders Erziehung zu tun haben musste.
Wenn er schon sein eigenes Leben nicht in den Griff bekommt, wie sollte er dann das seines Bruders managen?
Oder… oder er kümmert sich vollends um Nic, weshalb bei ihm nicht immer alles glatt läuft?
Ich schüttelte den Kopf. Am besten sollte ich erst gar nicht versuchen, diese Familie zu analysieren.
Alex war nur ein Mittel zum Zweck. Und wenn ich meine Antworten nur bekomme, in dem ich Gefallen wie diese erfülle, dann muss es wohl sein.
Die Fahrt verlief relativ unspektakulär.
Die Straßen lagen ruhig vor uns. Als ich in die Hofeinfahrt einbog, war es schon kurz vor zehn.
Ich begleitete Nic nach drinnen und wartete, bis er sich umgezogen und Bett fertig gemacht hatte.
Er trug nun einen bunt gemusterten Schlafanzug und dicke, flauschige Kuschelsocken in grellem Grün.
„Du bist eine echt nette Babysitterin. Danke, dass du mich vor Chantal bewahrt hast!“, meinte Niclas und gähnte.
Ich nickte lächelnd.
„Kein Problem. Wann wird dein Bruder wieder da sein?“
Niclas zuckte mit den Schultern.
„Ich kriege eigentlich nie mit, wenn er wieder kommt. Vermutlich irgendwann gegen Mitternacht“
Ich nickte und verschränkte fröstelnd die Arme vor der Brust. Dieses Haus strahlte keine besondere Wärme aus.
Eigentlich war mir nicht besonders wohl dabei, Nic alleine hier zu lassen. Aber dieser kleine Junge schien mir so selbstbewusst, ich glaube, er ist deutlich erwachsener als sein Umfeld. Solche Situationen wird er wohl gewohnt sein…
„Okay, dann geh mal ins Bett, es ist eh schon spät!“
Nic gähnte wie auf Kommando.
„Kannst du, bevor du gehst, noch die Hintertür der Küche zuschließen? Das macht Alex normalerweise, aber ich komme an das Schloss nicht dran. Bin zu klein!“
Ich nickte schnell.
„Ja klar, kann ich machen. Gute Nacht!“
Niclas schlurfte in sein Zimmer, schloss die Tür hinter sich und ließ mich alleine im Flur stehen.
Ich seufzte, ging also zur Küche.
Ich sah mich in der Küche um, um mich zu vergewissern, dass die Hintertür ebenfalls verschlossen war. Das Schloss bestand nur aus einem kleinen Riegel, der – meiner Meinung nach – bei einem Einbruch nicht viel Sicherheit garantieren würde. Aber das ist wohl eher eine psychisch beruhigende Tatsache.
Gerade wollte ich mich aus dem Staub machen, als mir ein Zettel auffiel. Ein Zettel, wohl eher ein Fetzen Papier, klebend an der oberen rechte Ecke des Küchenschrankes.
Hoch genug, damit Nic nicht drankommt – eine erwachsene Person jedoch schon. Macht Alex so etwas absichtlich?
Ich streckte die Hand nach dem Zettel aus, riss ihn vom Holz ab und begutachtete ihn.
Er war schon von der Zeit gezeichnet, fast komplett vergilbt. Die gekritzelten Buchstaben waren nur schwer zu entziffern.
„Guten Tag Alexander. Du hast dich unserem Willen widersetzt – mal wieder. Du willst wie ein kleines Kind einfach davon laufen. Aber na schön. Gott hat uns einen freien Willen gegeben, also wollen wir auch nicht so teuflisch sein, und deinen unterdrücken. Wir lassen dich gehen. Natürlich nur, nach unseren Regeln. Es funktioniert wie folgt: Entweder, du überlässt uns deinen entzückenden kleinen Bruder als Pfand für dein Leben, oder du unterziehst dich unserer Schönheitskur. Such es dir aus. Eins von beidem, und danach bist du für immer frei.“
Mir blieb die Luft weg.
Was war das denn? <

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