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Ein noch nicht ganz erwachsenes, chaotisches und kreatives Hippie-Mädchen schreibt hier alles auf, was ihr gerade durch den Kopf geht :)

Freitag, 31. Oktober 2014

The modern days #10



> „Na gut, dann sind wir eben keine Freunde. Zufrieden?“, fragte Alexander und steuerte auf einen Parkplatz zu.
Offensichtlich waren wir angekommen.
So weit ich das beurteilen konnte, war hier weit und breit nichts.
Außer ein kleines, einstöckiges Häuschen, mitten in einem recht großen Hof.
„Zufrieden bin ich erst, wenn ich alle Antworten habe, die ich kriegen kann!“, erwiderte ich und sah mich um.
Alexander stellte den Motor ab, öffnete seine Tür und stieg aus. Ich schnallte mich ab. Im selben Moment, wie ich die Tür öffnen wollte, kam mir Alexander zuvor und hielt sie mir auf.
Ich verdrehte die Augen.
„Sehe ich irgendwie hilfsbedürftig aus? Ich bin sehr wohl in der Lage, eine Autotür zu öffnen!“, sagte ich, beabsichtigt beleidigt.
Alexander hob abwehrend die Hände.
„Okay, kleine Prinzessin, schon klar“
Er ließ mich aussteigen, klatschte die Tür dann hinter mir zu und nahm darauf prompt wieder meine Hand.
Ich zog daran, doch sein Griff war stärker.
Ach du meine Güte.
Wolle dieses Mysterium von einem Kerl mir etwas… antun? Aber er hatte versprochen, nichts mit mir anzustellen. Wobei, wenn ich diesen einsamen Hof mitten im Nirgendwo betrachte, kamen mir ganz schreckliche Gedanken in den Sinn.
Oh bitte, bitte bin ich heute Abend noch Jungfrau!
Alexander zog mich rasch vorwärts, ich konnte nur mühsam seinem Gang Schritt halten.
„Warum ziehst du mich und warum hetzen wir so?“, fragte ich völlig verwirrt.
Alexander seufzte.
„Hör zu Alice. Ich weiß, du hast unglaublich viele Fragen, aber ich habe nicht so viel Zeit. Deswegen müssen wir uns ein wenig beeilen, okay? Und keine Angst, ich werde dir nichts tun, das habe ich bereits versprochen!“
Keine Ahnung warum, aber diese Worte beruhigten mich ein wenig.
An der Haustüre angekommen, kramte Alexander seinen Schlüsselbund wieder aus der Hosentasche, schloss die Tür auf und stieß sie auf, wobei ein lautes Knarren die Stille durchbrach.
Das Haus sah innen nicht viel besser aus als außen.
Die Wände waren kahl und weiß, nirgendwo Tapete oder auch nur ansatzweise Farbe.
Wir betraten einen Lichtdurchfluteten Gang. Es gingen mehrere Zimmer davon ab, Alexander bat mich in das erste zu meiner Rechten.
Mit wiedergekehrtem Mut öffnete ich die schwere, alte Holztür – die genau dieselben Geräusche machte wie die Haustür – und ging in ein kleines Wohnzimmer.
Die Möblierung war spärlich, aber durchaus gemütlich.
Es gab zwei Ohrensessel, einen in grün und einen in einer undefinierbaren Musterung aus blauen und gelben Farbklecksen.
In der Mitte der beiden Sessel stand ein tiefer Couchtisch, auf dem eine gebrauchte Teetasse stand.
An der gegenüberliegenden Seite der Sessel befand sich eine alte Feuerstelle. Sie war offensichtlich nicht mehr nutzbar, doch nun schmückten einige Kerzen den Innenraum des antiken Ofens.
Der Wandabschnitt neben der Tür wurde durch ein Regal gefüllt, das mit Büchern und Brettspielen gerade zu überladen war.
„Setz dich. Ich muss kurz telefonieren, dann bin ich sofort bei dir!“, bat Alexander, huschte in einen der anderen Räume und kam keine zwei Minuten später wieder.
Ich setzte mich in den Sessel mit den vielen Farbklecksen, er war erstaunlich weich und bequem.
Alexander setzte sich mir gegenüber.
„Schicke Wohnung!“, meinte ich, er nickte.
„Es ist schrecklich, ich weiß. Aber alles, was ich mir unter meinen Umständen leisten kann. Das Wohnzimmer ist noch das Ahnsehnlichste von allen Zimmern!“
Er räusperte sich.
„Okay, egal jetzt. Kommen wir zum eigentlichen Thema. Amelia. Was willst du wissen?“
Ich atmete tief durch.
Wo sollte ich da bitteschön anfangen?
„Na gut, ähm… Woher kanntest du Amelia?“, fragte ich, Alexander seufzte.
„Von der Funk. Wir waren Partner, sozusagen. Auf geschäftlicher Ebene verstanden wir uns gut, aber auch auf privater Ebene wurden wir beste Freunde!“
„Was genau ist die Funk? Ich habe auf dem Klo einen Spruch gelesen, was soll das alles?“
Ich zeigte Alex ein Bild von der Kritzelei an der Toilettenwand, die ich mit meinem Handy fotografiert hatte.
Er runzelte die Stirn, während er es betrachtete.
„Die Funk hat sich nie so offensichtlich zur Schau gestellt. Merkwürdig… Na ja, egal. Im Grunde genommen ist die Funk, um es mit einfachen Worten auszudrücken, eine Drogenbande. Eine gut organisierte Gruppe von Dealern, die ganz schön viel Einfluss auf die Untergrundszene hat. Ich war Mitglied. Amelia auch!“
Alexander sagte das so emotionslos, dass mir das Blut in den Adern gefror.
Ich schluckte schwer.
Drogen?
Amelia hatte nie und nimmer mit Drogen gedealt! Dafür war sie viel zu anständig.
Oder doch nicht?
Verdammt, das wird mir alles zu viel!
„Du lügst. So etwas könnte Amelia nie tun!“, keifte ich Alexander an, er jedoch schüttelte nur den Kopf.
„Alice, ich gebe dir lediglich die ehrliche Antwort, die du wissen willst. Es ist die Wahrheit!“
Augenblicklich wurde mir schlecht.
Mein Magen entwickelte ein Eigenleben, ich musste Husten und stand auf.
„Ich… ich glaube das alles nicht…“
Ich atmete tief durch und sah mich hilfesuchend um, doch das Übelkeitsgefühl blieb.
Drogen?
„Kann ich ganz kurz… Wo ist das Badezimmer?“
Alexander sah mich auf einmal ungeheuer besorgt an, was mir nur noch schlechter werden ließ.
„Warte, ich begleite dich!“
Er stand auf, legte führsorglich einen Arm um meine Taille und führt mich zum Badezimmer.
Der Raum, keine drei Quadratmeter groß, wirkte mit seiner Enge auf merkwürdige Weise beruhigend auf mich.
Das Gefühl in meinem Bauch verschwand augenblicklich, als ich mich kurz auf den Rand der Badewanne setzte und mir ein wenig kaltes Wasser ins Gesicht tupfte.
Ich atmete tief durch.
Was geht hier nur vor sich, um alles in der Welt?
Wo bin ich hier reingeraten?
Alexander klopfte an die Badezimmertür.
„Alice, alles okay? Soll ich einen Arzt rufen?“
Ich schüttelte schnell den Kopf – obwohl er das gar nicht sehen konnte – und stand wieder auf.
Dann taumelte ich auf die Tür zu, öffnete sie und versuchte mich an einem Lächeln.
„Nein, sorry, alles okay. Setzen wir unser Gespräch fort, mir geht es wieder gut!“
Alexander sah mich verdutzt an, ich schob ihn vor zur Seite und ging zielstrebig den Gang hinunter.
Welche Tür war das Wohnzimmer noch gleich?
Auf gut Glück öffnete ich ein der identischen Holztüren.
„Halt, das ist nicht…“
Nein, das war nicht das Wohnzimmer.
Das hier war ein Kinderzimmer.
Auf dem Boden lagen verstreut Spielzeugautos, Kinderkleidung, ein paar Blätter und Stifte.
Auf dem Bett befand sich Bettwäsche mit Piratenaufdruck und die Lampe an der Decke hatte die Form eines Mondes.
Alexander war mir gefolgt und zog mich aus dem Zimmer.
Er schloss die Tür und sah mich vorwurfsvoll an.
„Schnüffelst du immer anderen Leuten hinter her?“, fragte er und schob mich zurück ins Wohnzimmer, eine Tür weiter.
Ich schüttelte perplex den Kopf.
„Entschuldige, das war nicht meine Absicht, aber…“
Ich setzte mich zurück in meinen Sessel.
„Wer wohnt hier denn noch? Sag bloß du hast… Kinder?“
Alex schnaubte verächtlich.
„Natürlich nicht. Ich bin zwanzig, was denkst du denn? Das ist das Zimmer meines kleinen Bruders. Er heißt Niclas, ist gestern zehn Jahre alt geworden. Mein einziger Mitbewohner!“
Ich runzelte die Stirn.
„Okay, aber… Warum wohnt Niclas nicht einfach bei deinen Eltern?“
Ich dachte, einen Schatten über Alexanders Gesicht huschen zu sehen. Er versteifte sich und sah mich überaus emotionslos an.
Er räusperte sich.
„Meine Eltern sind vor fünf Jahren bei einem Autounfall gestorben, da waren wir, Nic und ich, erst in einer Pflegefamilie, bis ich 18 geworden bin und mir diese alte Wohnung hier leisten konnte. Weißt du, es ist echt beschissen, seinen kleinen Bruder erziehen zu müssen, wenn man selbst genug um die Ohren hat. Und genau deswegen habe ich so wenig Zeit. Ich muss Nic von der Grundschule, besser gesagt der Nachmittagsbetreuung, abholen und danach noch arbeiten gehen. Also, kannst du bitte schnell mit deinen Fragen weiter machen?“ <

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