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Freitag, 26. September 2014

The modern days #2


> Das einzige, was ich in diesem Moment wollte, war schreien.
So entsetzt hat mich noch nie jemand angesehen.
Und mir entgegen zu kreischen, ich müsste doch tot sein, machte die Situation nicht gerade besser.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals, ich spürte jede Ader pulsieren.
Alexander löste sich schließlich von der Wand, schnappte sich seinen Rucksack und rannte dann zur Tür hinaus.
Meine Mitschüler sahen erst Alexander hinter her, und wenige Sekunden später alle zu mir.
Mir blieb die Luft weg, meine Kehle war wie zugeschnürt.
Mein Magen verkrampfte sich und wieder einmal dachte ich: hört doch auf mich anzustarren.
Mir wurde speiübel und jegliche Farbe wich aus meinem Gesicht.
Meine Handflächen wurden kalt und schwitzig, ich hatte das Bedürfnis zu fliehen.
Wobei sich mir jedoch gleichzeitig die Frage stellte: Warum fühle ich mich eigentlich schlecht?
Immerhin war er der Neue, der vermutlich einen an der Waffel hatte, um mich so psychopathisch anzuschreien.
„Leute, Leute, hört auf damit. Befassen wir uns wieder mit der Nervenzelle. Um Alexander kümmere ich mich später! Also, wer möchte einmal den Aufbau beschreiben?“
Der Gong ertönte und war in diesem Moment der schönste Klang meines Lebens.
Doktor Singer wirkte enttäuscht, lies uns aber gehen.
Ich sprang förmlich von meinem Stuhl auf und hastete aus der Klasse, hinaus auf den leeren Gang.
Der Biokurs war der einzige, der donnerstags zu solch später Stunde noch Unterricht hatte, keine Menschenseele war noch hier außer uns.
„Du Freak, mach, dass du nach Hause kommst!“, rief mir irgendjemand hinter her, ich atmete tief durch.
Keine Panikattacke, nicht jetzt!
So selbstbewusst, wie es mir in dieser Situation gelang, eilte ich den Gang nach hinten, stolperte die Treppe hinunter und hastete aus der Tür.
Draußen schlug mir die kalte Novemberluft ins Gesicht. Eine willkommene Abkühlung, die meinen Lungen die Luft zum Atmen wieder gab.
Es war erst Anfang des dritten Monats nach den Sommerferien. Und mein Alltag war schon wieder zerstört.
Was zur Hölle wollte dieser Alexander von mir? Taucht plötzlich auf und benimmt sich wie ein Verrückter.
Ich war doch ein Niemand, eine Person, der keiner Beachtung schenkte.
Das einzige, was ich wollte, war, meinen Abschluss zu überstehen und dann weit, weit weg zu ziehen. Ein komplett neues Leben anzufangen.
Jetzt musste ich mir vermutlich tagtäglich von einem Geisteskranken zuraunen lassen, dass ich tot sein muss.
Ich ließ mich gegen die Fassade fallen, rutschte an der Wand hinunter und vergrub das Gesicht zwischen meinen Knien.
Einatmen.
Ausatmen.
Ich bekam eine Gänsehaut, obwohl die Sonne hoch am Himmel stand.
Hastig griff ich nach meiner Tasche, um meine Wollweste heraus zu holen.
Doch eine Bewegung neben mir ließ mich erstarren.
Ich hob den Kopf und hielt erschrocken die Luft an.
Alexander.
„Was… was ist los mit dir? Was willst du von mir?“, stammelte ich hilflos und presste meine Weste gegen die Brust.
Ich zog die Knie enger an, versuchte, mich ganz klein zu machen.
Ein Windstoß ließ meine Haare aufwirbeln, sodass mir die Locken wie schwarzer Regen ins Gesicht peitschten.
Alexander kniete sich zu mir hinunter, ich wimmerte wie ein ängstliches Hündchen.
Warum verlässt mich der Mut immer in solchen Momenten?
Die Tattoos auf seinen Armen wirkten genauso bedrohlich wie sein Blick.
„Antworte mir, was willst du?“, fragte ich erneut, wobei ich mich wunderte, wie selbstbewusst das klang.
Alexander stieß so etwas wie ein Knurren aus.
Seine Hand schnellte vor und ich vermutete einen Schlag ins Gesicht.
Doch das Gegenteil war der Fall.
Mit einer unvermuteten Sanftheit strich er mir ein paar Locken aus dem Gesicht.
Ich sah ängstlich und gleichzeitig geschockt zu ihm, unfähig, mich irgendwie zu regen.
Alexanders Blick war starr, doch seine Züge waren alles andere als das.
Sein Mund war sanft geschwungen, er hatte volle Lippen und sein Gesicht war unnatürlich symmetrisch – was eine gewisse Perfektion war, die selten an einem Menschen zu sehen ist.
Seine Haut war makellos, bis auf eine Narbe von wenigen Zentimetern die über seiner rechten Augenbraue anfing, diese sozusagen zerteilte und dann kurz vor seinem Augenlid endete.
Ich stieß die Luft aus, die ich unmerklich angehalten hatte.
Alexander berührte meine Stirn, strich über meine Schläfe hinunter zu meiner Wange und ließ seine Hand dort einige Augenblicke ruhen.
Seine Hände waren rau. Ich bekam erneut eine Gänsehaut, doch diesmal nicht wegen der Kälte, sondern wegen seiner Berührung.
„Was ist hier los?“, flüsterte ich atemlos.
Alexander stöhnte.
„Das darf einfach nicht wahr sein. Du siehst ihr so ähnlich, aber bist dennoch nicht tot!“
Ich schluckte, als Alexander seine Hand von meiner Wange nahm und sich direkt vor mich auf den Boden setzte.
Die Sohlen seiner halb zerfetzten Sneaker berührten meine Schienbeine.
„Aber das kann nicht sein. Ich habe ihre Leiche gesehen. Sie hatte keinen Puls mehr. Sie war tot. Ist tot. Ich werde eindeutig verrückt!“
Ehe ich etwas auf seine verwirrenden Worte erwidern konnte, stand Alexander auf und rannte den Hof hinunter, zum Bahnhof.<

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